Zwischen Krieg und Europa

Die Magie des Moments lag in der Vollkommenheit des Augenblicks. Doch diese Vollkommenheit bestand nicht in der positiven Perfektion eines Ereignisses wie der innigen Verschmelzung zweier Seelen in tiefem gegenseitigem Verstehen oder eines phänomenalen Naturspektakels. Vielmehr umfasste dieser Augenblick die emotionale Erkenntnis des gesamten menschenmöglichen Glücks im Angesicht des größtmöglichen Schmerzes; in ihm wurde die Seele des Lebens offenbar.
Ein Außenstehender mag diesen Moment vermutlich nicht einmal bemerkt haben, denn er sah lediglich eine junge Frau, die in lumpige Kleidung gehüllt in einem Schutthaufen saß, der einst als Haus zahlreiche Familien beherbergt hatte. Ihr müder Rücken lehnte an einem großen Betonklotz, aus welchem dicke Eisenarme in fremdartigen Verrenkungen heraus ragten. Die Augen der jungen Frau waren geschlossen und in ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der beinahe jede menschliche Gefühlsregung widerzuspiegeln vermochte.
Dieser Augenblick war der letzte, in dem sie wusste, dass sie hatte, was sie sich für ihr Leben wünschte. Ein tiefes Glücksgefühl durchflutete ihren gesamten Geist im Angesicht des Gedankens an den unermesslichen Schatz, den das Leben ihr geschenkt hatte. Doch ein bitterer Schmerz durchwob dieses Gefühl, ein Schmerz, den sie ohne das Glücksgefühl vermutlich nicht hätte ertragen können; es war die Gewissheit, diesen Schatz für immer hergeben zu müssen.
Schwer seufzend öffnete die Frau ihre Augen, wobei sie einer schmerzgetränkten Träne die Freiheit schenkte. Ihr bewegter Blick wanderte hinüber zu ihrem Haus, einem der wenigen, die noch nicht zerbombt worden waren. Die Kinder der Nachbarn spielten zwischen den Trümmern um sie herum; sie spielten sich in eine andere Welt. Wie gerne wäre auch sie gerade in eine solche Welt geflohen und nie wieder zurückgekehrt, gemeinsam mit ihrem Geliebten. Sie konnte ihn nicht sehen, doch sie wusste, dass er die letzten Vorbereitungen für das Ende traf, für den Anfang wie er zu sagen pflegte.
Sie stellte sich vor wie seine starken Hände in diesem Moment seine wenigen Habseligkeiten zusammen klaubten und in seiner Tasche verstauten. Ihre Tasche hatte sie bereits gepackt.
Zwei Taschen, zwei Wege, auf denen sie beide diese Taschen tragen würden. Die ihre würde sie nach Europa bringen, er die seine in den Krieg. Sie sagten sich, ihre Wege führten in bessere Welten, damit sie den nötigen Mut aufbrauchten, ihre Wege zu gehen, doch sie wussten beide nicht, ob sie ihr Ziel jemals erreichen würden. Was sie jedoch beide wussten, war, dass es für sie keine bessere Welt geben würde, solange sie beide voneinander getrennt waren und das würden sie vermutlich für immer sein.
Heuchelei waren diese Worte, doch die Alternative bestand in dem einsamen Warten auf den Tod in dieser Siedlung, die beinahe täglich mit Bomben übersäht wurde, um Leid und Verderben zu züchten. Sie mussten beide gehen, er wollte einen anderen Weg einschlagen als sie. Sein Ehrgefühl verpflichtete ihn dazu, sich den Männern der Gegend anzuschließen im Kampf für Frieden und Freiheit.
Sie liebte ihn, wollte ihn in allen seinen Entscheidungen unterstützen, doch noch nie fiel es ihr so schwer wie jetzt. Er war alles für sie, sie hatten sich zusammen ein Leben aufbauen wollen, doch nun musste sie ihn ziehen lassen, das geplante Leben für immer zurücklassen. Sie wusste kaum umzugehen mit diesem Schmerz und ihrer Angst, doch sie hatte keine Wahl. Sie durfte nicht hier bleiben, sie musste aufstehen und loslaufen, tapfer einen Fuß vor den anderen setzen, ihr Ziel fest im Blick haben, ohne zurück zu schauen, jeden Tag aufs Neue. Also stand sie auf, setzte einen Fuß vor den anderen, ihr Haus fest im Visier, sie schaute nicht zurück. Sie ging, um die letzten Stunden ihres Lebens mit ihrem Geliebten zu verbringen.

 

12 Gründe, warum es sich lohnt, Zeit mit sich alleine zu verbringen

Das Alleinsein. In unserer Gesellschaft ist es fast so etwas wie ein Buch mit 7 Sigeln. Niemand spricht gerne darüber, niemand ist gerne allein und erst recht spricht niemand gerne darüber, dass er alleine ist. Doch warum ist das so? Vermutlich liegt es daran, dass wir „Alleinsein“ häufig mit „Einsamkeit“ gleichsetzen und damit ganz und gar verwechseln. Zweifelsohne lässt sich das Gefühl der Einsamkeit dort finden, wo wir alleine sind, doch genauso gut können wir es manchmal auch in geselliger Runde ausmachen.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass das Alleinsein und die Einsamkeit zwei verschiedene Konzepte beinhalten. Das Alleinsein ist ein sichtbarer Zustand, der bewusst unterbunden oder herbeigeführt werden kann, indem wir uns in bestimmten Situationen mit anderen Menschen umgeben oder eben nicht. Die Einsamkeit ist ein Gefühl des absoluten Alleinseins, das jedoch nicht immer auf ein tatsächliches Alleinsein zurück zu führen ist. Vielmehr ist das Alleinsein häufig eine Konsequenz des Gefühls der Einsamkeit. Diese Thematik zu vertiefen, würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen.

Das Alleinsein an sich hat viele Gesichter, es birgt unzählige Potenziale, die wir häufig übersehen, wenn wir ihm aus dem Weg gehen. Jede Minute mit uns selbst kann uns etwas Neues in unserem Leben entdecken lassen, das wir in Begleitung niemals in dieser Art finden werden. All diese Erfahrungen des Alleinseins sind unbezahlbar. Sie bereichern das Leben auf unschätzbare Weise und können ihm sogar eine neue Richtung geben.

Daher seien hier 12 Gründe aufgeführt, warum wirklich jeder sich Zeit für sich selbst nehmen sollte:

 

  1. Du merkst, wie es dir geht und was dich beschäftigt.

Wenn du alleine bist, bist du dir deiner selbst besonders bewusst, vorausgesetzt du übertönst deine Gedanken nicht permanent mit Filmen, Serien, Radio und co. Dann merkst du unweigerlich, was dich gerade beschäftigt und wie es dir geht. Manchmal ist man überrascht, was da zum Vorschein kommt. Doch nur wer weiß, was mit ihm los ist, kann darauf reagieren und damit umgehen.

 

  1. Du entdeckst, was du wirklich gerne machst.

Wenn du dich alleine beschäftigen musst, beschäftigst du dich unweigerlich mit dir selbst, um etwas zu finden, was du gerne machst. Denn alleine wirst du auf Dauer nichts machen, weil andere es möchten oder machen, da niemand da ist, der seinen Eifer für die Sache auf dich übertragen kann. Somit machst du nur etwas, was du gerne möchtest.

 

  1. Du lernst dein Energielevel kennen und merkst, was dir gut tut.

Oft hetzt du sicherlich durch deinen Alltag, ohne wirklich darauf zu achten, wie es dir gerade geht. Nur wenn du abends völlig erschöpft ins Bett fällst und am nächsten Morgen gerädert aufwachst, spürst du für kurze Zeit, dass du dich eigentlich völlig überforderst. Doch im Alltag wird das schnell wieder verdrängt, weil es viel zu erledigen und zu erleben gibt. Wenn du dir Zeit für dich nimmst, merkst du jedoch unweigerlich wie dir dein Alltag bekommt und du fängst an zu überlegen wie du ihn für dich angenehmer gestalten kannst.

 

  1. Du spürst, was dir wirklich wichtig ist.

Wenn sich der Kosmos der Möglichkeiten und Facetten deines Lebens im Alleinsein vor dir auftut, wirst du unweigerlich vor die Frage gestellt, was davon dir wichtig ist, womit du deine Zeit und somit dein Leben füllen möchtest.

 

  1. Du lernst, deine eigenen Prioritäten zu setzen.

Wenn du erst einmal weißt, was dir wichtig ist, dann willst du dafür in deinem Leben einstehen. Schließlich ist die eigene Lebenszeit zu schade, um sie mit den Prioritäten anderer bis zum Rand anzureichern. Den Dingen, die einem etwas bedeuten, seine Aufmerksamkeit zu schenken, fühlt sich sowieso immer am besten an.

 

  1. Du erfährst viel über deine Schwächen und den Umgang mit ihnen.

Du bist ein Mensch, also hast du auch das, was man gemeinhin als Schwäche bezeichnet. Wenn du alleine bist, wirst du früher oder später mit ihnen konfrontiert werden und gleichzeitig lernen, mit ihnen auf eine Weise umzugehen, die dir gut tut. Du wirst deine Schwächen nicht mehr als Schwächen sehen, sondern als Teil, der zu dir gehört wie deine Stärken. Auf gewisse Weise wirst du sie schätzen lernen, weil auch sie einen Beitrag zu deiner Einzigartigkeit leisten.

 

  1. Du findest heraus, ob du dich einsam fühlst.

Das Alleinsein wird dir über Kurz oder Lang von selbst verraten, ob du dich einsam fühlst oder nicht. Das ist wichtig, denn die Einsamkeit kann auch dann, wenn sie verdrängt wird, deine Lebensqualität erheblich einschränken, ohne dass es dir bewusst auffällt. Wenn du jedoch weißt, dass du einsam bist, kannst du etwas dagegen tun. Die positive Beschäftigung mit dir selbst ist dabei schon ein wichtiger Schritt.

 

  1. Du entdeckst neue Facetten an dir.

Wenn du dich mit dir selbst beschäftigst, mit dem, was du gerne machst, was dich bewegt und was dir wichtig ist, wirst du neue Seiten an dir entdecken, die dir bisher verborgen geblieben sind.

 

  1. Du lernst, deine Gefühle zuzulassen.

Häufig unterdrückt man diejenigen Gefühle, die einem unangenehm sind, die man am liebsten nicht hätte. Doch wenn du alleine bist, wirst du merken, wie gut es tut, auch diese Gefühle zuzulassen, wenn sie gerade heraus wollen, damit sie dich nicht zerfressen und du dich wieder besser fühlen kannst.

 

  1. Du wirst dir klar über die zahlreichen Möglichkeiten deines Lebens.

Wenn du alleine bist, kannst du dir Zeit zum Nachdenken nehmen. Es gibt viele Eindrücke von Lebenskonzepten, die das Leben dir schon geschenkt hat, auch wenn du das auf Anhieb vielleicht gar nicht glauben magst. Wenn du sie dir vor Augen führst und sie auf deine Weise weiter denkst, dann kann sich vor dir eine gigantische Weggabelung von zahlreichen Lebenswegen auftun, die du beschreiten kannst.

 

  1. Du spürst, was dich wirklich ausmacht.

Im Universum all dieser Eindrücke und Erkenntnisse, die du im Alleinsein sammeln kannst, wirst du die Aspekte finden, mit denen du dich wahrhaft identifizieren kannst, du wirst spüren, wie dein innerer Puls schlägt, was du willst, was du kannst, was gut für dich ist. Du wirst merken, dass es das ist, was dich ausmacht und du wirst es lieben.

 

  1. Du merkst, dass du sowohl der Hauptprotagonist als auch der Regisseur deines Lebens bist.

Im Alleinsein spürst du deine Freiheit und erkennst gleichzeitig deine Bedürfnisse. Du darfst dir wünschen, wie du dein Leben leben möchtest, du kannst es perfekt auf dich zuschneiden und dich dafür einsetzen, es genauso umzusetzen.

 

Wie frei sind wir wirklich?

Freiheit, Individualität und Selbstverwirklichung. Das sind die Schlagwörter unserer Zeit. Sie sprechen unsere innersten Wünsche an und lassen uns träumen vom vollkommenen Glück in der Erfüllung unseres Selbst. Alles wird individualisiert, unser Lebensstil, unsere Bildung und unsere Medien. Doch wie frei sind wir wirklich in unserem Streben nach Individualität?

Wir wollen unser Leben individualisieren. Um das zu erreichen, wollen wir viel erleben, möglichst ausgefallen soll es sein, wir streben danach, verschiedene Menschen zu treffen, uns fit zu halten mit besonderen Sportarten, wir entdecken die Abenteuerlust in uns und träumen von fernen Reisen, wir wollen viel ausprobieren, wir suchen nach unseren eigenen Ideen und Verwirklichung im Beruf und so weiter. Die Liste könnte noch um einige Punkte ergänzt werden. Fällt da nicht etwas auf?

Wie individuell ist man wirklich, wenn man in dieses Schema des individuellen Menschen hinein zu passen versucht. Ist man dann nicht wieder ein Sklave des Klischees?

Es gibt Trends, wir laufen den Trends hinterher, die uns vorgaukeln, sie würden uns individualisieren. Ernähre dich gesund und werde Vegetarier, schließlich Veganer und am besten noch Frutarier. Mache viel Sport um deinen Körper zu stählen, am besten durch Yoga, Laufen, Walken und Fitnessstudios. Gestalte dein Leben nach deinen Wünschen und reise viel, am besten nach Australien und Amerika. Zeige, was in dir steckt, indem du dich modisch kleidest, zurzeit am besten ohne auffällige Farben. Lerne viele Sprachen, am besten englisch, spanisch und chinesisch.

Wäre es nicht wesentlich individueller einfach zu essen, wonach einem gerade ist, sich vielleicht selbst ein Tier zu halten oder etwas im Garten anzubauen für den eigenen Verzehr? Oder sich sportlich beim Rhönradturnen oder Ballett zu erproben? Wie wäre es mal mit einer Reise nach Togo oder Kasachstan? Warum tragen wir im Moment keine knalligen Farben oder selbstgehäkelten Hosen, dem Winter zum Trotz? Warum lernen wir nicht Türkisch oder eine der afrikanischen Khoisan-Sprachen?

Es würde auffallen, es könnte negativ auffallen, es ist uncool, langweilig, unbedeutend oder unnütz. Jedenfalls wird es von unserer Gesellschaft und häufig sogar von uns selbst so wahrgenommen. So „individuell“ ist unsere Individualität also, dass sie sich der völligen Bandbreite der Individualität verschließt. Wenn wir nicht darüber nachdenken, sind wir schnell gefangen im Sog der Ideen und Ideale unserer Gesellschaft, die uns präsentiert werden als Königsweg zum Glück.

Tatsächliche Freiheit und Individualität zu leben erfordert jedoch Rückgrat und einen wachen Geist. Wer das erkannt hat, kann daraus großen Profit für sich ziehen.

Wir haben heute Möglichkeiten wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, in Freiheit zu leben, unseren Träumen nachzugehen und unser Leben auf unsere Weise zu leben. Doch dafür müssen wir uns dieser Freiheit in vollem Umfang bewusst werden. Erst dann können wir uns entscheiden wie wir unser Leben führen wollen. Es ist unsere freie Entscheidung, ob wir es – ohne Wertung gesprochen – auf die bequeme vorgefertigte Art tun oder ob wir es wagen, uns unseren eigenen Weg zu suchen, um zu entdecken, was die Welt und das Leben darüber hinaus für uns bereithalten. Das Wichtigste dabei ist nur, dass wir uns unserer Freiheit bewusst sind, denn nur dann sind wir wahrhaft frei.

 

Warum wir häufig falsche Entscheidungen treffen

Wer kennt es nicht, das Gefühl, sich für das Falsche entschieden zu haben? Reue, Trauer um das Verlorene und Ärger über uns selbst sind die Folge und wecken in uns den Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können. Die richtige Wahl erscheint mit einem Mal so banal offensichtlich zu sein, dass wir selbst nicht begreifen, warum wir sie nicht zum Zeitpunkt der Entscheidung schon erkannten. Manchmal ist es sogar eine ganze Serie falscher Entscheidungen, welche uns eine Pechsträhne sondergleichen beschert und uns dazu veranlassen kann, uns selbst in Frage zu stellen.

Es sind banale Gedanken wie diese, die uns dann umtreiben: Warum habe ich diesen widerlichen, unbekannten Wassermelonen-Cocktail bestellt anstatt eines köstlichen Sex on the Beach? Ich hätte wissen können, dass Wassermelonenaroma immer nach Hubba Bubba schmeckt.
Oder auch etwas weitreichendere: Warum habe ich mein altes Auto verkauft? Das war zwar beinahe antik und ausgesprochen klapprig, aber wenigstens hatte man darin noch ein authentisches Fahrgefühl ohne diese ganze ausgleichende und kontrollierende Elektronik.
Auch die großen Themen des Lebens bleiben nicht verschont: Warum nur bin ich so früh schwanger geworden. Ich wünschte, ich hätte mein Leben noch mehr genießen können.

Es sind die kleinen falschen Entscheidungen, die unser Gewissen quälen und die großen, die sich zur Krux unseres Lebens aufbäumen können. Doch warum passiert es uns immer wieder, dass wir eine falsche Wahl treffen? Man sollte meinen, dass wir aus unseren Fehlern lernen. Es ist wahr, wir müssen etwas lernen, um die Kette der falschen Entscheidungen zu durchbrechen, doch eine Betrachtung der eigenen Fehlentscheidungen reicht hierbei nicht aus.

Was macht eine Entscheidung eigentlich zu einer falschen? Es ist unsere Unzufriedenheit mit dem von uns Gewählten. Sind wir mit dem Resultat unserer Wahl dagegen zufrieden, so bezeichnen wir sie als eine richtige Entscheidung.
Folglich ist nicht das objektive Resultat einer Entscheidung ausschlaggebend dafür, ob sie „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern unsere Einstellung dazu. Können wir das Positive darin erkennen und damit zufrieden sein, so haben wir in unseren Augen eine richtige Entscheidung getroffen. Sehen wir jedoch nur das Negative, so erscheint uns die Entscheidung falsch zu sein. Die wenigsten Entscheidungen sind von Grund auf richtig oder falsch, sie werden es meist erst durch unsere Perspektive darauf.

(Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich darauf hinweisen, dass es in meinen Augen durchaus Entscheidungen gibt, die hiervon auszunehmen sind, doch über moralisch vertretbare und abzulehnende Entscheidungen zu philosophieren, würde den Rahmen dieses Artikels maßlos sprengen.)

Manch einer mag sich nun fragen, wie ein ekliger Cocktail, ein unsympathisches Fahrgefühl oder das Gefühl, einen Teil des Lebens verpasst zu haben, positiv wahrgenommen werden können sollen.
Die Frage ist berechtigt und kann wohl mit einem einstimmigen „gar nicht“ beantwortet werden. Die Kunst, aus einer „falschen“ Entscheidung eine „richtige“ zu machen besteht nicht in einer asketischen Annahme und Verklärung des Unangenehmen, sondern vielmehr darin, den Fokus von dem durch die Entscheidung Verlorenen auf das Gewonnene zu richten und diesem mehr Gewicht beizumessen. Zum Zeitpunkt der Entscheidungsfällung machen wir dies automatisch. Erst im Nachhinein kann es passieren, dass sich unser Augenmerk von den positiven Effekten der Entscheidung auf die negativen richtet. Daher kann es sehr hilfreich sein, sich an die eigenen Gründe zu erinnern, welche uns zu unserer Entscheidung bewogen. Sind diese überholt, so können wir versuchen, neue positive Aspekte unserer Wahl zu entdecken. Gelingt auch das nicht, so sollten wir in jedem Fall aufhören, uns mit den negativen Auswirkungen des Resultats zu martern. Das fortwährende Verfolgen negativer Gedankenmuster führt nur zu weiteren negativen Gedanken und verhindert ein Ende der Unzufriedenheit.

Was ich jedoch an meinen Entscheidungen wertschätzen kann, ist zum Beispiel Folgendes: Ich weiß nun, dass Wassermelonen-Cocktails mir nicht schmecken und kann mich und eventuell andere vor einem diesbezüglichen weiteren Geschmackseklat bewahren und wohlschmeckende Cocktails vielleicht noch ein bisschen besser genießen.
Oder ich kann ein völlig neues Fahrgefühl kennen und genießen lernen und das alte gleichzeitig als Erfahrungsschatz in meiner wertvollen Erinnerung bewahren.
Oder ich kann die Zeit mit meinem Kind stärker schätzen lernen und sehen, was das kleine Leben mir alles schon früh schenkte, was andere damals noch nicht erahnen konnten.

Ich wage nicht zu behaupten, dass es immer leicht fällt, den Blickwinkel zu verändern. Je intensiver wir in die Folgen einer Entscheidung auf emotionale Weise involviert sind, desto größer ist die Herausforderung, sich dem negativen Sog zu entziehen. Sicherlich sind wir dem nicht in jeder Lebenslage gewachsen, denn glücklicher Weise sind wir Menschen fühlende Wesen und somit häufig irrational. Doch inmitten des Gewirrs der großen und kleinen „richtigen“ und „falschen“ Entscheidungen, die unser Leben bestimmen, kann ein anderer, ein positiver Fokus eine neue Perspektive eröffnen. Sie kann uns Trost, Zuversicht und neue Energie schenken in den großen und kleinen Kümmernissen des Lebens, sie kann uns neue Seiten unseres Lebens entdecken lassen. Und selbst in der größten Verzweiflung kann sie als hoffnungsvolles Licht am Ende eines langen, schwarzen Tunnels für uns leuchten.

Es lohnt sich, einen Blick zu riskieren – in eine positivere Welt.

Der schmale Grat zwischen Traum und Realität

Manche würden sagen, es ist ein Tag wie jeder andere. Doch welcher Tag ist das schon? Dieser ist es mit Sicherheit nicht, das spüre ich.
Schon seit Stunden sehe ich es kommen. Mit all seiner vernichtenden Macht. Widerstand ist zwecklos. Das Gewitter kam und es kommt näher mit jeder Sekunde. Mit jedem Himmelsleuchten ballt es seine Wolkenberge höher und fester zusammen und errichtet eine uneinnehmbare schwarze Stadt. Furchteinflößend türmt sie ihre kolossalen Mauern über mir auf. Ihre Schatten löschen das Leuchten des Schnees in den Straßen und auf den Dächern um mich herum aus. Ein seltsames Flimmern liegt in der Luft, das jedes lebendige Geräusch zu ersticken scheint. Nach und nach verschlingt die himmlische Stadt die irdische. Nur ein paar Tauben auf dem Kirchendach gurren der Finsternis tapfer ihr Morgenlied entgegen. Langsam wird es immer stiller. Kälte bricht herein. Das Leben verstummt im Angesicht des brodelnden Wolkendaches. Das wenige Licht, das den Erdboden noch erreicht, taucht die Umgebung in ein fahles totes Licht. Schüchtern verkriecht sich jede Seele vor der hereinbrechenden Bedrohung.
Nur noch wenige Menschen sind auf der Straße unterwegs. Sie irren umher wie verwahrloste Schafe, die ihre Herde verloren haben. Ungeschickt schleppen sie ihre vollen Einkaufstüten mit sich herum. Hinter den hell erleuchteten Schaufenstern quellen die Räume über von bunten Artikeln und Menschen, die sich vor den Gewalten der Natur in ihrer kleinen und schrillen Welt zu verstecken suchen.
Eine junge Frau mit einem winzigen Hund stöckelt hastig vor mir durch den rutschigen Schnee. Ich schaue nicht zu ihr hoch, sodass ich lediglich ihre langen schlanken Beine und die roten High-Heels an ihren Füßen sehe. Das genügt mir, denn meistens bereiten mir die Beine der Menschen mehr Freude als ihre Blicke.
Doch in diesem Moment habe ich nur Augen für den Hund, der hinter diesen Beinen her stolpert. Er ist so klein, so verzüchtet, so hässlich, dass er mich beinah an eine Ratte erinnert. Aber gerade dieses beinah künstlich wirkende Wesen bleibt plötzlich schnaufend vor mir stehen. Seine übernatürlich großen Augen blicken hoffnungsvoll und leicht gequält zu mir auf, während seine flache, glänzende Schnauze angestrengt bebt. Ich schaue zurück und spüre, wie mir das Herz aufgeht. Nicht viele würdigen mich eines Blickes, meistens sind es die Tiere, von denen ich die meiste Aufmerksamkeit bekomme, vor allem Tauben. Mit ihnen habe ich sowieso eine Menge gemeinsam. Täglich picken sie emsig ein paar schmutzige Krümel vom Boden auf, ähnlich wie ich. Auch ich muss nehmen, was man mir halbherzig oder gar versehentlich vor die Füße wirft: ein paar rote Cent-Stücke, mitleidige und angewiderte Blicke, den Rotz eines arroganten Jugendlichen, im Winter eine Schippe dreckeigen Schnees von der Straßenkehrmaschine… All das, worauf die Menschen gerne verzichten.
Ich versuche, es wie die Tauben zu tragen – mit Gelassenheit. Doch meistens versage ich kläglich. Wenn der Magen nach Nahrung schreit, die Kehle nach Wasser lechzt und die Seele vor Sehnsucht nach Liebe brennt, dann weiß ich nicht, warum ich noch hier auf dieser Erde bin. Warum alles so gekommen ist. Warum nur ich überlebte. Noch immer, nach all den Jahren, bin ich in jeder Nacht der kleine Junge, der ich einst war, bei meinen Eltern und Geschwistern, dem kleinen Gemüseladen und dann in der Finsternis, im Schrecken von Panzern, Soldaten und Bomben, die alle, alle, die in meinem Herzen waren, erbarmungslos zerfetzten.
Tränen brennen in meinen müden Augen. Dieses Brennen tut auf eine eigenartige Weise gut, denn es zeigt mir, dass ich noch fühle, dass ich noch lebe.
Mit tauben Fingern strecke ich meine schmutzige, vor Kälte zitternde Hand nach dem kleinen Hund vor mir aus, um ihm über sein Fell zu streicheln. Weich schmiegt es sich an meine rauen Finger, während der kleine warme Hundekörper meiner frierenden Hand ein wenig Wärme spendet. Es ist ein wunderbares Gefühl. Auch das Tier scheint diesen Augenblick zu genießen. Mit einem seligen Ausdruck in den Augen schaut es mich an und mir ist, als ob es mich versteht. Doch genau in diesem Augenblick wird der kleine Hund fortgerissen. Die starre Leine zieht ihn von den Füßen, während die Frau mit den roten Schuhen das hilflose Tier unbarmherzig hinter sich her schleift. Seine verzweifelten Augen quellen vor Angst fast aus den Höhlen. Menschen können so grausam sein.
Ein krachendes Donnern lässt mich erschrocken zusammen fahren, begleitet von dem angstvollen Jaulen eines Hundes. Das war er, der erste Kanonenschuss. Das Feuer ist eröffnet. Doch ich bin unbewaffnet.
Ein eisiger Wind reißt mir unvermittelt meinen Hut vom Kopf. Zu spät versuche ich danach zu schnappen. Eine Böe trägt ihn empor und spielt wie zum Spott mit meinem kostbaren Besitz über den Dächern der Häuser.
Voller Sehnsucht schweift mein Blick zu den glänzenden Scheiben der Schaufenster, den Farben, der Wärme, welche die Menschen dahinter einlullt in den Schein der Geborgenheit.
Fröstelnd ziehe ich meinen Mantel enger. Wie oft habe ich nicht versucht, hinter eine dieser Scheiben zu gelangen, um einem Unwetter zu entkommen? Doch jedes Mal werde ich abgewiesen. Die Menschen haben Angst, ich würde sie bestehlen. Sie haben Angst vor mir, sie haben Angst vor allem, was sie nicht kennen. Doch was hätte ich davon, denen zu schaden, die mir helfen? Ich habe gestohlen, ein einziges Mal. Ich war noch ein Kind damals, ein Kind, das Hunger hatte. Nicht diesen Appetit, den man in dieser Gesellschaft als Hunger bezeichnet, sondern dieses furchtbare schwere Loch im Magen, das einem schwarz vor Augen werden lässt. Ich hatte es gewagt, mir ein Brötchen aus der Mülltonne einer Bäckerei zu nehmen. Ich habe es bitter bereuen müssen, als man mich erwischte, ohne Papiere, ohne alles. Nie wieder werde ich stehlen. Was habe ich von ein paar schicken Schuhen oder einem teuren Hemd, wenn ich nicht einmal etwas zum Essen habe? Aber das scheinen die Menschen nicht zu begreifen. Es ist zu fern von ihrer Realität.
Also sitze ich hier fröstelnd in meinem zerfledderten Mantel. Die schäbige Wolldecke, auf der ich sitze, kratzt mich durch den dünnen Stoff meiner Hose. Ich versuche mein Herz mit Gedanken zu erwärmen, während der eisige Wind an meinen verfilzten Haaren zerrt und durch die Löcher meiner lumpigen Kleidung pfeift.
Erste dicke Regentropfen fallen hart auf meinen Kopf. Der Wind hat die Straßen inzwischen leer gefegt. Stattdessen treibt er nun eisigen Regen vor sich her. Schnell werden aus den wenigen Tropfen viele und schon bald peitschen die Böen das teils gefrorene Wasser durch die Gassen. Mit kalten Fingern greift der Regen nach meinem schwachen Körper und ballt seine harte Faust um mein Herz. Immer schwerfälliger pumpt es das zähe Blut durch meinen steifen Körper. Ein verzweifeltes Zittern durchfährt mich, so zaghaft, viel zu schwach. Dieser Kampf ist aussichtlos. Ich habe Angst, dass ich ihn dieses Mal nicht gewinnen werde. Die kalte Mauer in meinem Rücken fühlt sich beinahe warm an. Erschöpft schließe ich die Augen, um mich besser auf das Schlagen meines Herzens und das Arbeiten meiner Lunge konzentrieren zu können. Mein Blick gleitet nach innen, immer weiter. Wieder ein Krachen wie ein erbarmungsloser Schuss aus dem Himmel, ein gleißendes Zucken vor meinen verschlossenen Lidern. Dann ist wieder alles schwarz. Der Wind heult in meinen Ohren als wolle er mich verspotten. Rot. Ich sehe rot. Höre das rote Blut in meinen Adern rauschen. Immer langsamer, immer zäher. Mein Atem wird flach. Mir wird schwarz vor Augen.

Dunkelheit.

Licht.

Ganz unmittelbar. Ich kann es kaum glauben. Gleißendes Sonnenlicht sticht in meine geschlossenen Lider. Ich spüre die Wärme auf meiner Haut. Leichtigkeit breitet sich in meinem Körper aus. Ich lebe! Ich lebe noch! War das alles nur ein schlechter Traum? War das Gewitter nur in meinem Kopf? Es war so real gewesen…
Der süße Duft eines warmen sonnigen Morgens liegt in der Luft, welche einige Tauben auf dem Kirchendach mit ihrem zärtlichen Gurren vibrieren lassen.
Mühsam blinzle ich gegen die Helligkeit der Sonne an. Ihre warmen Strahlen tun meiner wunden Seele gut. Über mir erklingen muntere Stimmen, als ich plötzlich zwei kleine Kinderfüße in hübschen Lederstiefeln neben mir entdecke. Verwundert sehe ich auf und schaue in die großen Augen eines kleinen schwarzhaarigen Mädchens, das mich ein wenig an meine tote Schwester erinnert. Sein Blick ähnelt ein bisschen dem des kleinen Hundes, der vorhin noch vor mir gestanden hatte. Hatte er das überhaupt?
Verwirrt schaue ich mich um. Menschen bummeln entspannt an den Schaufenstern entlang. Noch immer weiß ich nicht, was ich von der Situation halten soll. Und wer ist dieses Kind? Wo sind seine Eltern?
„Hallo“, die zaghafte Stimme des Mädchens lässt meinen Blick zurück zu ihm wandern.
„Hallo“, entgegne ich unsicher. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann mich zum letzten Mal jemand Fremdes angesprochen hat und schon gar kein Kind!
Ein vorsichtiges Lächeln huscht über das niedliche Kindergesicht und ich kann nicht anders als zurück zu lächeln. Meine Gesichtsmuskeln fühlen sich dabei ziemlich steif an. Wann hatte ich zum letzten Mal gelächelt?
„Ich bin Shaima, und du?“ Die Frage reißt mich aus meinen Gedanken.
„Mikail“, antworte ich. Ich spüre, wie ein warmes Gefühl meine Brust durchflutete. Wann hatte mich zum letzten Mal jemand nach meinem Namen gefragt, der nicht mit einer Behörde in Verbindung stand?
Gerührt schaue ich wieder in die braunen Kinderaugen, bevor mein Blick erneut die belebte Straße nach den Eltern des Mädchens absucht. Doch noch immer kann ich weit und breit niemanden ausmachen, der Shaima im Auge zu haben scheint.
Mir ist nicht ganz wohl; ein dumpfes Gefühl liegt schwer wie ein Stein in meiner Magengrube. „Wo sind denn deine Eltern?“ Ich spreche mein Unbehagen aus.
Der traurige Ausdruck in Shaimas Augen nimmt mit einem Mal zu. „Daheim“, flüstert sie.
Ich bin äußerst verwundert. Dieser kleine Mensch neben mir ist vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Welche Eltern lassen ihr Kind in diesem Alter ganz alleine durch eine Großstadt wie diese laufen? Und wieso hatten sie Shaima nicht beigebracht, nicht mit fremden Männern zu sprechen? Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Mütter ihren Kindern das einschärften, wenn sie an mir vorbei gingen.
Prüfend blicken mich Shaimas große Augen an. „Du bist auch allein, oder?“, stellt sie nach kurzem Nachdenken fest.
Ja, das stimmt, ich bin allein. Das ist leider ziemlich offensichtlich. Aber warum „auch“? Dieses Mädchen hat doch eine Familie.
Mein kurzes Schweigen scheint die Kleine als Zustimmung zu betrachten. Ohne ein weiteres Wort setzt sie sich neben mich auf den Boden. Ich fühle mich unwohl. Was mögen die Leute denken, wenn sie mich hier mit einem gut gekleideten kleinen Mädchen sitzen sehen? Bestimmt halten sie mich für einen Perversen, einen Kinderschänder.
Die Blicke, die ich zugeworfen bekomme, sprechen Bände und ich weiß wieder, warum ich meistens nur noch die Beine der Leute betrachte.
Doch trotz allem spüre ich ganz tief in meinem Inneren eine kleine Freude pulsieren. Ich liebe Kinder, ihre ungezwungene Art und ihre Lebensfreude. Sie erinnern mich an das Leben, das ich hätte haben können, an all die Hoffnungen und Möglichkeiten, die jedem Menschen in dieser Welt offen stehen sollten, all die, die mir genommen wurden.
Mit einem Mal fängt Shaima an zu reden mit ihrer lieblichen Stimme. Sie erzählt mir von ihrer Familie, von ihren zahlreichen Geschwistern, ihrer Mutter und den schönen Geschichten, die sie erzählen kann, von ihrem Vater, der ihr alles zeigt und erklärt, was sie wissen möchte. Wehmütig denke ich an meine eigene Kindheit zurück, an die glücklichste und schrecklichste Zeit meines Lebens, doch in diesem Moment sehe ich die schönen Momente vor mir.
„Sie sind tot.“
„Was?“ Erschrocken fahre ich aus meinen Gedanken. Woher weiß sie, dass meine Familie tot ist?
Meine Familie ist tot.“ Shaimas Stimme dringt wie aus weiter Ferne an mein Ohr. Beklommenheit breitet sich in mir aus, schmerzhaft krampft sich mein Herz zusammen und ich schließe die schweren Lider. Vor meinen Augen wird es dunkel.
Da spüre ich sie wieder, den Eisregen, den unbarmherzigen Wind, mein schwaches gequältes Herz. Waren sie doch kein Traum? Das Unwetter scheint mich wieder in seinen grauen Mantel zu hüllen. Doch nun ist mir ganz warm. Das muss die Sonne sein, denke ich völlig benommen. Die einzige, die mein einsames Herz noch wärmt. Und Shaima, sie auch. Leicht spüre ich ihren kleinen Körper an meiner Seite, während ihre süße Stimme in meinen Ohren klingt.
Wie von selbst lösen meine Finger die Knöpfe meines Mantels und schälen meine Arme aus den löchrigen Ärmeln. Angenehmer Wind kühlt meine heißen Arme und meinen warmen Oberkörper.
Gleißendes Licht ist alles, was ich sehe, und ich genieße diesen perfekten Moment als wäre er die Ewigkeit.