Zwischen Krieg und Europa

Die Magie des Moments lag in der Vollkommenheit des Augenblicks. Doch diese Vollkommenheit bestand nicht in der positiven Perfektion eines Ereignisses wie der innigen Verschmelzung zweier Seelen in tiefem gegenseitigem Verstehen oder eines phänomenalen Naturspektakels. Vielmehr umfasste dieser Augenblick die emotionale Erkenntnis des gesamten menschenmöglichen Glücks im Angesicht des größtmöglichen Schmerzes; in ihm wurde die Seele des Lebens offenbar.
Ein Außenstehender mag diesen Moment vermutlich nicht einmal bemerkt haben, denn er sah lediglich eine junge Frau, die in lumpige Kleidung gehüllt in einem Schutthaufen saß, der einst als Haus zahlreiche Familien beherbergt hatte. Ihr müder Rücken lehnte an einem großen Betonklotz, aus welchem dicke Eisenarme in fremdartigen Verrenkungen heraus ragten. Die Augen der jungen Frau waren geschlossen und in ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der beinahe jede menschliche Gefühlsregung widerzuspiegeln vermochte.
Dieser Augenblick war der letzte, in dem sie wusste, dass sie hatte, was sie sich für ihr Leben wünschte. Ein tiefes Glücksgefühl durchflutete ihren gesamten Geist im Angesicht des Gedankens an den unermesslichen Schatz, den das Leben ihr geschenkt hatte. Doch ein bitterer Schmerz durchwob dieses Gefühl, ein Schmerz, den sie ohne das Glücksgefühl vermutlich nicht hätte ertragen können; es war die Gewissheit, diesen Schatz für immer hergeben zu müssen.
Schwer seufzend öffnete die Frau ihre Augen, wobei sie einer schmerzgetränkten Träne die Freiheit schenkte. Ihr bewegter Blick wanderte hinüber zu ihrem Haus, einem der wenigen, die noch nicht zerbombt worden waren. Die Kinder der Nachbarn spielten zwischen den Trümmern um sie herum; sie spielten sich in eine andere Welt. Wie gerne wäre auch sie gerade in eine solche Welt geflohen und nie wieder zurückgekehrt, gemeinsam mit ihrem Geliebten. Sie konnte ihn nicht sehen, doch sie wusste, dass er die letzten Vorbereitungen für das Ende traf, für den Anfang wie er zu sagen pflegte.
Sie stellte sich vor wie seine starken Hände in diesem Moment seine wenigen Habseligkeiten zusammen klaubten und in seiner Tasche verstauten. Ihre Tasche hatte sie bereits gepackt.
Zwei Taschen, zwei Wege, auf denen sie beide diese Taschen tragen würden. Die ihre würde sie nach Europa bringen, er die seine in den Krieg. Sie sagten sich, ihre Wege führten in bessere Welten, damit sie den nötigen Mut aufbrauchten, ihre Wege zu gehen, doch sie wussten beide nicht, ob sie ihr Ziel jemals erreichen würden. Was sie jedoch beide wussten, war, dass es für sie keine bessere Welt geben würde, solange sie beide voneinander getrennt waren und das würden sie vermutlich für immer sein.
Heuchelei waren diese Worte, doch die Alternative bestand in dem einsamen Warten auf den Tod in dieser Siedlung, die beinahe täglich mit Bomben übersäht wurde, um Leid und Verderben zu züchten. Sie mussten beide gehen, er wollte einen anderen Weg einschlagen als sie. Sein Ehrgefühl verpflichtete ihn dazu, sich den Männern der Gegend anzuschließen im Kampf für Frieden und Freiheit.
Sie liebte ihn, wollte ihn in allen seinen Entscheidungen unterstützen, doch noch nie fiel es ihr so schwer wie jetzt. Er war alles für sie, sie hatten sich zusammen ein Leben aufbauen wollen, doch nun musste sie ihn ziehen lassen, das geplante Leben für immer zurücklassen. Sie wusste kaum umzugehen mit diesem Schmerz und ihrer Angst, doch sie hatte keine Wahl. Sie durfte nicht hier bleiben, sie musste aufstehen und loslaufen, tapfer einen Fuß vor den anderen setzen, ihr Ziel fest im Blick haben, ohne zurück zu schauen, jeden Tag aufs Neue. Also stand sie auf, setzte einen Fuß vor den anderen, ihr Haus fest im Visier, sie schaute nicht zurück. Sie ging, um die letzten Stunden ihres Lebens mit ihrem Geliebten zu verbringen.

 

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