Von der Schwachheit des Herzens

Die Gedanken brausten in ihren Ohren. Sie tobten und überschlugen sich und krachten zusammen wie die harten Wellen der aufgewühlten See zu ihren Füßen. Sie wusste nicht, was richtig war, was falsch war, was sie denken sollte. Der Sturm zerwühlte jede gerade Linie, die sie zu finden glaubte, zerriss jeden Strang, an dem sie sich festhalten wollte. Antworten rollten über Fragen, um sie zu ersticken, doch sie brachten nur tausendfach mehr Ungewissheit mit sich. Was sollte sie tun? Was wollte sie tun? Hier bleiben? Fort gehen? Das Ausmaß der Entscheidung schnürte ihre Kehle zu und lähmte ihren Verstand. Hier bleiben. Ein sicheres Leben haben. Verrosten, verwesen, sterben… Weg gehen, in Unsicherheit um das eigene Leben kämpfen, mit dem Abenteuer leben und erblühen.
Ihr Herz hatte sich entschieden. Doch wollte ihr Verstand nicht wahr haben, was das Herz so verzweifelt in die Wogen schrie. Er verschloss sich dagegen und schleuderte seine Argumente zurück, sodass die zarten Rufe des Herzens daran zerschellten. Sie würde sterben, unwürdig, vergessen von der Welt, abseits vom lebendigen Leben, vielleicht zu früh, vielleicht allein…
Doch ihr Herz wollte leben! Es wollte, dass sie lebte!
Ihr Verstand wollte, dass sie starb. Doch er wusste es nicht.

Weiße Segel erhoben sich in die salzigen Lüfte über den Wogen, der Wind erfasste sie und blähte sie kraftvoll auf, sodass sie in ihrer ganzen Schönheit erstrahlten. Ein Ziehen verkrampfte schmerzhaft ihr Herz. Freiheit. Dort war sie. Direkt vor ihren Augen. Sie schaute hinauf, schaute hinein, musste nur einen Schritt tun, um von ihr erfüllt zu sein. Doch sie ging nicht. Ihr Verstand bewegte ihre Glieder und ihr Herz konnte nichts tun als weinend zuzusehen. Es sah zu, wie die Segel sich lüstern aufbäumten und die alten Balken des Schiffes knarrend den Kräften es Windes nachgaben. Die Wellen leckten spielerisch an den Planken, während das Schiff sich ein wenig wehmütig vom Hafen löste, um voller Enthusiasmus in Freiheit zu stechen.
Da fuhr es hin, den Weg ins Glück. Ihren Weg ins Leben, doch sie hatte ihn verlassen.
Die Menschen standen winkend am Kai und weinten ihren Geliebten nach. Sie stand da und winkte, weinte um ihre Geliebte. Sie weinte und winkte der Freiheit.

 

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