Hastige Rast

Ich muss hasten – will rasten – überlege zu fasten, um mich zu entlasten. Doch was ich tue, ist mich zu belasten mit der Idee vom Rasten.

Ich raste ein. Stehe still – am Ufer des tosenden Meeres meines Lebens. Ich möchte die Arme ausstrecken und es besänftigen, beruhigen – calm down. – Will selbst zur Ruhe kommen. Doch die Wogen tosen und brausen unendlich laut – in mir. Es ist mein Meer, meine Wellen, mein Wiegen, Peitschen, Zerren, Fetzen. – Meine Seele…

Ich bin es, die sie malträtiert, an ihr zerrt, sie verzerrt, herunterzerrt vom Thron meines Lebens, auf dem sie sitzen sollte, in glorreicher Pracht und Blüte des Lebendigen erstrahlen, zart wie der Flügelschlag eines Kolibris, stark wie der Stamm einer Eiche.

Ich schreie nach Ruhe – stumm. – Lausche auf Antwort – taub. – Suche nach Glück – blind. – Kämpfe für Frieden – tatenlos. – Japse nach Luft – atemlos.

STOP.

Stopp, Halt, Ende! Jetzt! Sofort!

Ich halte inne – innig. Doch ich finde mein Inneres nicht. Erahne mich schwankend im Rausch der Zeit – im Rasen des Moments, nicht mehr als ein Schatten. Kaum kann ich mich sehen, mich gar nicht ansehen, mich nicht im Spiegel erkennen. Kenne mich nicht. Blicke in die Augen eines Unbekannten. Frage mich, wie er ist, was ihn bewegt. Ich will es wissen – müsste es wissen. – Weiß es nicht.

Leere – dumpfe Leere – wie unter dem Gaumen eines gähnenden Krokodils. Schnapp. Weg ist die Leere, sogar die Leere. Das Maul ist zu. Geschlossen. Gefangene kleine Leere in seinem Inneren, in mir. Fragen beginnen zu tanzen – Wer bin ich? Bin ich überhaupt jemand? Was macht mich aus? Was tue ich? Wecker ausschalten, aufstehen, frühstücken, arbeiten, zu Mittag essen, arbeiten, zu Abend essen, schlafen. Kommunizieren – über das Wecker ausschalten, Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten, Mittagessen, Arbeiten, Abendessen, Schlafen.

Mehr! Ich will mehr! Ich muss mehr sein! Ich merke, ich bin mehr. Habe ein Mehr – erinnere mich an mein Meer. Tosend in meinem Inneren, meinem Innersten. Ich kann es sein – das Meer – kann mehr sein – Wenn ich es bin.

Ich lasse es zu, zu sein. Verwüstet, rastlos, friedlos, freudlos, verzweifelt – ängstlich. – Sie glätten sich, die Wogen. Licht durchbricht die Finsternis in meinem Herzen, Klarheit flutet mein Herz. Ich tauche ein, tauche ab in mein Meer, in mein Sein, genieße die Ruhe, wiege mich in Frieden, lausche meiner Stimme, halte inne im Glück, atme. Tief. Mein Sein. Ich raste.

 

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