Dimensionslos

Es war eine dieser kühlen, sternenklaren Nächte, in denen sich jeder Atemzug anfühlt wie eine reinigende Katharsis. Ein Blick in die Sterne schien einem den Sinn und Rhythmus des Lebens mit all seinen Geheimnissen zu offenbaren und gleichzeitig in den unergründlichen Tiefen des schwarzen Firmaments bis in alle Ewigkeit zu verheimlichen.
Jays Körper versank in der tiefen Wärme des Grases, während sein Geist sich in der denkbaren Unendlichkeit des Universums verlor. Der Versuch, die schier endlose Menge der Sonnen und sie umkreisenden Planeten zu erfassen, sprengte beinahe seinen Verstand. In welch gigantischen Dimensionen der Mensch bereits denken konnte und in welch winzigen zugleich. Vom Atom zum Universum – dazwischen war alles möglich, vielleicht sogar darüber hinaus. Möglicher Weise beherbergte jedes Atom ein eigenes Sonnensystem. Was für eine Vorstellung, dass jeder Mensch Millionen von Universen in sich beherbergen würde! Alles drehte sich um das Sein und innerhalb des Seins drehte sich alles umeinander: Elektronen um Protonen und Neutronen, Planeten um Sonnen, Galaxien um ihre Zentren und manchmal drehte sich in dieser Welt auch alles um einen Menschen. Die Drehbewegung schien die natürlichste aller Bewegungen zu sein, die Kugel die ursprünglichste Form.

Jay räkelte sich. Sein Blick schweifte langsam vom Mars über ein paar Sterne hin zu den Lichtern auf den Berggipfeln, die wie tief stehende Sterne auf dem in der Schwärze der Nacht unsichtbaren Gebirge thronten. Aus den Häusern zu seinem Fuße blickten die meisten Fenster bereits mit schwarzem Blick in die Nacht hinaus. Es war spät geworden.
Jay rappelte sich behutsam auf, um das soeben erlangte Gefühl der Erdung und Erleuchtung in seinem Inneren zu bewahren. Tief sog er die kristallklare Luft der Nacht in seine Lunge ein, bevor er seinen Heimweg antrat. Unterwegs traf er auf ein paar wilde Kaninchen und einen genüsslich schmatzenden Igel, der sich während seines deftigen Nachtmahls offenbar von nichts und niemandem stören lassen wollte. Ein scheues Schmunzeln huschte über Jays Gesicht. Ein Schatten dessen lag noch auf seinen Lippen, als er die Ausläufer des Dorfes erreichte. Stille, durchwebt von dem zaghaften Ruf eines Uhus, lag sanft über den Dächern der Häuser und füllte die schmalen Gassen zwischen ihnen. Jay trat ein in ihr Gewirr, jenes Durcheinander innerhalb seiner Welt, das er vermutlich am besten beherrschte. Es war beruhigend wie sicher seine Beine ihn hindurch trugen, geradewegs zu seiner Haustür. Ein goldenes Licht strahlte von ihr her, welches jeden dazu einzuladen schien, sich hier niederzulassen. Doch niemand im ganzen Dorf folgte mehr einer Einladung dieses Hauses. So war Jay der einzige, auf den diese Türe tatsächlich wartete. Er selbst war es gewesen, der dieses Willkommenslicht entflammt hatte, um sich selbst die Heimkehr zu erleichtern.

Leise klickte der Schlüssel im Schloss und gab Jay den Weg frei. Er trat ein über die Schwelle des Lichts, hinein in die Schatten, die dahinter lauerten. Ein grunzendes, hässliches Schnarchen aus dem Wohnzimmer drang an Jays Ohr. Sehnsüchtig blickte er zurück zur Haustür, doch er konnte nicht zurück, er konnte nicht fliehen. Er war ein Gefangener dieses Hauses, ein Gefangener seines eigenen Vaters. Sein Käfig war gebaut aus Hass, Liebe, Verantwortungsgefühl und Hilflosigkeit. Er war erst 15, sein Vater 43, doch es kam Jay vor als seien ihre Rollen vertauscht. Er selbst war der Vater seines viel zu alten, alkoholbesessenen Sohnes. Die Macht die er hatte, war jedoch die des ausgelieferten Sohnes.

An Abenden wie diesen gelang Jay manchmal die Flucht in die Natur. Eine Rauchwolke in seiner so oft nach Atem ringenden Lunge ließ ihn Erfüllung finden, trug ihn davon, für wenige Momente, in eine andere Welt, in der er nach dem Sinn des Lebens, dem Grund seines Daseins forschte. Dann spürte er die Unendlichkeit und den Frieden dieser Welt, war erfüllt davon und geborgen in der Weite und Verlässlichkeit des Kosmos‘. Doch die Zeit der Realität ließ die Zeit in der anderen Welt stets ablaufen, fing ihn wieder ein, sperrte ihn zurück in ihre Hölle. Dann war es Zeit, nach Hause zurück zu kehren, um dort auszuharren in seelischer und körperlicher Verwüstung. Jedes Mal, bis Jay des Abends wieder das grässlich vertraute Schnarchen seines Vaters vernahm und es wagte, sich erneut aus dem Haus zu stehlen. Jeden Abend wurde er zurückgeführt von den Zwängen seines Lebens. Auf dem Weg nach Hause klammerte er sich fest an die verpuffenden Eindrücke in der Dunkelheit wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz auf hoher See.

So leise wie möglich schlich Jay die knarrende Stiege hinauf, während er unentwegt auf jede Veränderung des Schnarchens seines Vaters lauschte. Um nichts in der Welt durfte er wach werden. Jay hatte es zu oft erleben müssen wie sein Vater in seinem teuflischen Rausch über ihn kam wie das Jüngste Gericht.
Mit bangem Herzen erreichte er schließlich sein Zimmer und dankte Gott, dass er ihn heute Abend verschont hatte. Eigentlich glaubte Jay nicht an einen Gott, doch die Stoßgebete gaben ihm manchmal das Gefühl, ein kleines bisschen weniger alleine zu sein als er tatsächlich war.

Erschöpft ließ Jay sich auf seine Matratze fallen. Eine kleine Staubwolke stob unter seinem Körper hervor. Für einen Moment schloss Jay die Augen, um sich zurück zu denken auf die friedliche Wiese in der klaren Nacht vor seinem Fenster. Mit einem tiefen Atemzug griff er unter sein Bett und zog ein dickes, schäbiges Buch darunter hervor. Mit bedächtigen Fingern schlug er es auf, zog den schwarzen Füller zwischen den zerknitterten Seiten hervor und begann zu schreiben. All seine Eindrücke und Ideen der letzten Stunden flossen durch die schwarze Tinte auf das Papier zu all den anderen unzähligen Gedanken, die Jay in der anderen Welt bereits gedacht hatte. Er sammelte diese Schätze zwischen den beiden Buchdeckeln, über deren Seiten auch in diesem Moment seine Feder kratzte. Doch noch hatte er keine Antwort finden können auf den Sinn seines Lebens, nicht zwischen all den ungezählten Seiten. Also suchte er weiter, Nacht für Nacht, Atemzug für Atemzug.

 

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